Rogen-Röa-Femund: Mit dem Wanderkanu von Schweden nach Norwegen (Teil1)

Einmal im Jahr muss ich Raus. In den Norden, wenn es geht. Bereits auf dem Rucksack-Reisen Nachtreffen 2015 gibt es erste Gedankenspiele, sich doch einmal auf die wildeste aller Rucksack-Reisen-Kanutouren zu wagen. Nachdem in den Vorjahren das Värmland, das Dalsland und der Svartälven erkundet wurden, soll jetzt die Tour Rogen-Röa-Femund folgen. Fit sollte man dafür sein. Und Gruppentauglich, steht im Katalog. Outdoor- udn Paddelerfahrung sollte man besser auch mitbringen, wenn man diese Tour erleben will. Paddeln kann Ich, dessen bin ich mir bewusst, Erfahrung auf Outdoor-Touren habe ich in den letzten Jahren sammeln können, aber nie war ich bisher so weit abseits jeder Straße und Zivilisation unterwegs. Es wird also Zeit!

Die Urlaubsplanung ergibt, dass nur die Tour Anfang Juli 2016 in Frage kommt. Und so beginnt meine Flucht aus dem Alltag am 01.Juli 2016. Die diesjährige Wanderpaddel-Tour führt also in unberührte, aber auch oftmals unwegsame Natur im Grenzgebiet der Provinz Dalarna in Schweden und der Femundsmarka in Norwegen.

Zunächst muss die lange Anreise in den Norden bewältigt werden, mit dem Zug geht es von Hameln nach Hamburg, ab Hamburg fährt uns dann ein Reisebus über Nacht nach Dalarna. Erstes Ziel ist hierbei wie schon bei der vergangenen Silvesterreise das Dörfchen Idre bzw. das dortige Aktivcamp von Rucksack Reisen welches wir am frühen Nachittag des 02.Juli erreichen. Bereits auf der Busfahrt hatte sich der Großteil der Gruppe zusammengefunden, die sich auf die Rogentour wagen wollten: 8 Männer, darunter zwei Polizisten, zwei Steuerberater, ein Hotel-Haustechniker, ein Kafferöstender Unternehmensberater und Ich (Online-Marketing), wollen gemeinsam die Herausforderung meistern, mit Wanderkanadiern von Schweden nach Norwegen zu paddeln. Der jüngste der Gruppe, unserer Tourenbegleiter Johann, ist 20 Jahre alt, will zukünftig Informatiker werden, bringt aber die erforderliche Erfahrung mit um den Wildwasserfluss Röa zu bezwingen. Der Rest der Gruppe ist alterstechnisch sehr verschieden, von 30 bis 60 ist alles mit dabei.

Der Nachmittag des ersten Tages in Schweden wird dazu genutzt Ausrüstung, persönliche Gegenstände und Kleidung sowie die für die kommenden 14 Tage benötigten Lebensmittel in Wasserdichte Tonnen zu verpacken, Boote werden ausgesucht und die gesamte Ausrüstung zum See transportiert. Eine kurze erste Tagesetappe auf dem Idresjön/Österdalälven führt uns zu einem Lagerplatz am anderen Seeufer. Zelte werden aufgebaut, die gesamte Ausrüstung gecheckt, Feuer gemacht und gekocht. Anfang Juli wird es in Dalarna kaum Dunkel, dennoch fallen wir, müde von der Busfahrt, relativ früh ins Bett.

Am nächsten Morgen, es ist Sonntag, packen wir die Ausrüstung zusammen und paddeln nach Idre zurück. Am Strand wartet schon der Kleinbus, der uns ins Käringsjövallen am Rogensee bringen wird. Ein Boot wird noch einmal getauscht, alles auf dem Anhänger und im Bus verstaut, und wir starten auf die 2-Stündige Fahrt die uns in die Wildnis des Rogengebietes führt. Aus der Musikanlage klingt der Soundtrack von „Into The Wild“. Es gibt wohl kaum bessere Musik als die Songs von Eddie Vedder um aus der Zivilisation zu flüchten und eine solche Tour zu starten.

In Tännäs besuchen wir den Wildnisladen. Neben der letzten Möglichkeit noch Ausrüstung/Kleidung, Mückenschutzmittel oder ähnliches einzukaufen gibt es hier die letzte Toilette für die kommenden 12 Tage. Nach kurzem Aufenthalt geht es weiter, Ziel ist ein Parkplatz kurz vor Käringsjövallen.

Eine Wanderpaddeltour beginnt auf einem Parkplatz, w305_DSC04714_5184x3888o weit und breit kein Wasser zu sehen ist? Ja! Sämtliche Ausrüstung muss zunächst 700 Meter durch den Wald getragen werden. (An dieser Stelle vielen lieben Dank an den Campleiter Res, der uns nicht nur bis hier hin gefahren hat, sondern auch bei dieser ersten Portage mit angefasst und uns etwas entlastet hat). Am Ende der Portage dämmert uns, warum man von einer WANDERpaddeltour spricht. Wir stehen am Öster Vingarna, dem ersten Wildnis-See auf dem Weg nach Norwegen. Es ist leicht sumpfig und die Mücken schwirren um uns herum. Hier beginnt also das Abenteuer in der nordischen Wildnis endgültig. Keine Straße mehr weit und breit, es gibt kein zurück. In 12 Tagen werden wir am Femund-See abgeholt. Wir durchpaddeln den Öster Vingarna durch diverse Buchten. Ein Rentier kreuzt schwimmend unseren Weg.

Wir erreichen am Südende des Sees unseren ersten Rastplatz. Die Gruppe ist bereits jetzt gut zusammengewachsen, schnell stehen die Zelte, Feuer wird gemacht, Essen vorbereitet. Am folgenden Morgen steht uns direkt eine wiederum 700 Meter lange Portage bevor. Doch bevor wir in die Zelte kriechen stehen noch zwei wichtige Programmpunkte auf dem Plan: Erstens: Um am folgenden morgen Kraft zu sparen bringen wir bereits jetzt 2 Boote an das Ende der Portage. Es ist ja ewig hell und somit keine Eile geboten. Zweitens: Leichtsinnigerweise hatte uns Tourenbegleiter Johann erzählt, das Ihm im vergangenen Jahr im Camp in Idre ein Irokesen-Haarschnitt geschnitten wurde. Das können wir auch auf Tour…und während die Sonne am späten Abend langsam untergeht und Millionen von Mücken ausschwärmen um Hautflächen zu finden die noch nicht mit Mygga, Nordic Summer, DEET, US622 oder Autan eingeschmiert sind, Fallen Johanns Haare. mit 2 Nagelscheren und Rasierer wird aus Johann „Iro-Joe“ und die Mücken finden seine noch nicht geschützte Kopfhaut dann auch gleich sehr anziehend.DSCI0033

Gegen 10 Uhr kommt am folgenden Morgen langsam Bewegung in die Gruppe und gegen Mittag sind endlich alle Tonnen, Packsäcke und Boote am Ufer des Stor Tandsjön. Wir setzen die Boote ein, 2,5 km See liegen vor uns, teilweise durchpaddeln wir sehr sumpfige flache Buchten…jetzt bloß nicht Kentern, sonst stecken wir bis zur Brust im Schlamm. Wir erreichen die Stelle an der ein kleiner Wildbach aus dem See ausfließt. Die Ausrüstung und der größere Canadier müssen umgetragen werden, mit den kleineren drei Booten zeigt uns Joe erstmals seine Wildwasserfahrkünste und fährt zumindest die Boote den Bach hinab. Es folgen mehrere kleine Seen, und Schwälle, mehrfach müssen kurze Portagen gemeistert werden, bevor bei Rogsbodarna der Rogen-See erreicht wird. Wir paddeln ein kurzes Stück hinaus zu einem Rastplatz auf einer Insel. Diesen müssen wir uns mit zwei Engländern teilen, aber Platz für Zelte gibt es hier genug, fast schon der Platz mit den besten Zeltbedingungen auf der gesamten Tour, da die Insel eine große flache Sandfläche fast ohne störende Wurzeln oder Steine bietet. Am Abend paddeln zwei Mitreisende nochmal ein Stück weit zurück um am Ausfluss des Wildbaches die Angeln auszuwerfen. Ein Hecht überlebt diesen Ausflug nicht.

DSCI0058Vor uns liegen die Weiten des Rogens, gute 11 km freie Seefläche liegen vor uns in Paddelrichtung und auch in die andere Richtung erstreckt sich der Rogen noch einige Kilometer weit. Das Wetter ist wechselhaft, Wolken und Spiegelglattes Wasser bieten ein Spiegelbild-Schauspiel vom feinsten. Nachdem der Hecht (zum Frühstück!) verspeist war, machen wir uns auf zur großen Rogenquerung. Das Wetter ist hier unberechenbar, wo eben noch spiegelglattes Wasser war, bauen sich schnell Wellen von einem halben Meter Höhe auf, genauso schnell wird es aber auch wieder ruhig. Wir paddeln in Ufernähe. Nachdem wir schon eine ganze Weile Regenschauer auf uns zukommen sehen und die Wellen wieder stärker werden, entscheiden wir uns zur Sicherheitspause auf einer Landspitze, Gemeinsam gehen wir unter der großen Tarp-Plane in Deckung, kurz darauf beginnt es stärker zu Regnen. Einige Zeit müssen wir so verharren, bevor wir die zweite Hälfte der Rogenquerung in Angriff nehmen können. Tagesziel ist der Restplatz bzw. die Wanderhütte Reva, unmittelbar an der norwegischen Grenze gelegen, die hier den Rogen durchquert. Die Angler wollen nochmal angeln, während wir die Zelte aufbauen dauert der Paddelausflug im seichten Nebenarm des Rogen aber nur wenige Sekunden und 3 Meter weit, dann liegen zwei Angler mitsamt Ihrer Ausrüstung i

m Wasser. Was genau zur Kenterung führte ist unklar, Ziel ist es fortan Schuhe, Kleidung etc. am Feuer zu trocknen. Über dem Feuer haben wir ein Tarp gespannt, die sintflutartigen Regenfälle die uns am Abend erreichen, kann das aber nur teilweise abhalten. Zwei deutsche Wanderer gesellen sich zu uns unter das Zeltdach.

Der Rogen und damit der erste namensgebende See unserer Tour ist fast geschafft, ab sofort sind wir in Norwegen unterwegs. Bei teils stürmischen Winden paddeln wir am folgenden Morgen die letzten 1,5 km über den Rogen, bevor wir in die wilde Röa einfahren wollen. Auf dem Weg dahin fällt ein Packsack dem Wind zum Opfer, kann aber aus dem Wasser gefischt werden.

Stromschnellen, mal verblockt, mal gut befahrbar und kleine Seen wechseln sich auf der Röa ab. Iro-Joe fährt die Boote nach Besichtigung der ersten Schnelle sicher

aus dem Rogen heraus in den Rogshaen, die anderen laufen über einen Trampelpfad ans Ende der Schnelle und sind froh, das Boote und Material nicht getragen werden müssen. Bereits nach wenigen hundert Metern folgt die nächste kleine Schnelle. Hier quert auch ein Wanderweg die Röa über eine Hängebrücke. Nach Besichtigung entscheiden wir, den Schwall zu fahren und erreichen mit allen 4 Booten ohne Unfall den Littlbudhaen. Weitere Wildwasser-Passagen folgen bevor wir via Storrundhaen und Lilrundhaen den ersten Rastplatz in Norwegen erreichen. Die Klöfthabua bietet uns einen Platz für die Nacht. Der Platz für Zelte ist rah, und so übernachtet ein Teil der Gruppe in der Hütte.

Am folgenden Tag führt und die Röa weiter, wiederum werden zahlreiche Stromschnellen durchfahren und teilweise umtragen, wobei sich Joe kaum eine Gelegenheit entgehen lässt, zumindest die Boote den wilden Fluss hinabzupaddeln. Für die Gruppe ist das natürlich ebenfalls sehr praktisch, da zumindest die Schlepperei der Boote hin und wieder entfällt. 500 Meter sind es noch bis zur nächsten Hütte am Ufer des größten Sees an der Röa, dem Roasten. 2 Schnellen müssen noch bewältigt werden und werden für fahrbar befunden. In der ersten kommen die ersten drei boote gut durch, aus dem 4.Boot steigt der Steuermann unfreiwillig aus, und steht hilflos in der Stromschnelle, während der zweite Paddler sich im Boot halten kann und das Boot sicher bis in den kleinen See hinter der Schnelle bringt. Per Wurfsack-Leine sichern wir den Aussteiger und bringen auch diesen wieder sicher ans Ufer. Die folgende leichte und flache Stromschnelle wird dann meinem Boot zum Verhängnis. Einen sichtbaren Felsen umfahren wir, treffen in der Welle aber auf einen zweiten, treiben quer….. und ehe wir genau wissen wie das passiert ist, schwimmt unsere Ausrüstung auf den See hinaus, das Boot wird vom Wasserdruck regelrecht um den Felsen gewickelt. Der Schaden wirkt groß aber zumindest ist niemand verletzt. Die anderen Boote sammeln unsere DSCI0132Ausrüstung ein, am Ufer versuchen wir das Boot wieder einigermaßen in Form zu bringen. Dies gelingt uns, wir erreichen den Rastplatz mit Hütte und beschließen nach diesem für drei Paddler ziemlich nassen Erfahrungen hier am Folgetag einen Ruhetag einzulegen. Auch mein Schlafsack war baden gegangen, war aber dank einem fast dichten Packsack nur leicht feucht geworden und trocknet noch rechtzeitig bevor er benötigt wird. Sämtliche weitere Ausrüstung trocknet am nächsten Tag in Wind und Sonne ebenfalls gut.

Am Ruhetag wird geangelt (wieder ergänzt ein Fisch unseren Speiseplan), gelesen, Brot gebacken oder einfach nur geruht. Die Holzversorgung an den norwegischen Hütten entlang der Röa ist super, sogar gesägt ist das Holz bereits, zum Spalten liegt eine moderne Fiskars Spaltaxt in der Hütte bereit. Gute Bedingungen um ein Feuer lange in Gang zu halten. Zwei Brote backen wir an diesem Tag auf dem Feuer. außerdem das ein oder andere Pfannenbrot. Wir checken unsere Nahrungsmittelvorräte…und merken schon jetzt, dass es zum Ende der Tour wohl knapp werden würde. Einkaufsmöglichkeiten gibt es keine, also werden die Mahlzeiten für die kommenden Tage schon einmal vorgepackt, so dass für den Rest der Wildnis-Tage eine Mahlzeit vorhanden ist. Am letzten Tag, wieder im Camp, könne wir ja ggf. anderweitig versorgt werden, so unsere Hoffnung.

( weiter zu Teil 2 )

 

 

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